Sälen – Oxberg – Mora – Ein Skilanglauf über 90 Kilometer

Der Vasaloppet in Schweden ist nicht nur für gut trainierte Skilangläufer eine Herausforderung. Auch Frank hatte schon Berichte über diesen längsten Massenskilauf in der Zeitung gelesen. Gespräche mit bereits teilgenommenen Skilangläufern ließen keine Zweifel mehr aufkommen. Wen sollte es da wundern, wenn er sich nicht dieser Herausforderung auf Langlaufski gestellt hätte. Als Leichtathlet und Flachländer nicht gerade optimale Voraussetzungen, wurde das Ziel Vasaloppet 1999 in Angriff genommen. Kondition, Ausdauer und Willen sind nicht alles, auch Frank stand wackelig auf den Langlaufski. Nach kürzeren Skilangläufen im Training und der Absolvierung des Engadin Skimarathons über 42 Kilometer sowie des König-Ludwig-Laufes um Oberammergau über 50 Kilometer sollte das Vorhaben starten. Aber manchmal kommt es anders als man denkt, die beste Planung nützt nichts. Im Sommer des Jahres 1998 trainierte ich beim Laufen längere Strecken und bekam große Achillessehnen Beschwerden am linken Fuß. Die Notbremse wurde gezogen, der Fuß mit dem Wadenbein als so genannter Spitzfuß fünf Wochen lang eingegipst. Die wirksamste Methode um nicht zu trainieren. Langsam wurde das Training aufgenommen und schnell war ich wieder im Rhythmus. Im Juli den Swiss Alpine Marathon, den höchster Marathon in der Schweiz, gelaufen, schien alles wieder in Ordnung. Im September nahm ich bei einem 24 Stunden Lauf teil, wie sollte es anders kommen, die Defekthexe schlug wieder zu. Waren doch meine beiden Knie bereits seit Anfang der 80er Jahre lädiert. Das linke Knie wurde im Jahr 1991 operiert. So wurde dieses linke Knie erneut im Oktober 1998 operiert. Alles schien gut zu verlaufen, doch bei der Physiotherapie kam es zu einem Anriss der rechten Achillessehne. Scheibenkleister. Ich pausierte ganz bis Ende Januar 1999, am ersten Februar-wochenende startete ich dann beim 50 km langen Skilanglauf in Oberammergau. Mit fehlender Kondition, ohne Kraft, verwachsten Ski  und kippelndem Willen schlich ich über die Loipe und erreichte als fast letzter das Ziel. P.S., Die Helfer bauten schon das Ziel ab. Mein schwerster Wettkampf. Anschließend in den Urlaub (Trainingslager) in das österreichische Seefeld gefahren kämpfte ich täglich zweimal auf der Loipe. Von Tag zu Tag machte der Sport wieder Spaß. Und die Unternehmung Vasaloppet im März schien nicht gefährdet.

Es wurde zum 75. Vasaloppet nach Mora angereist. Eigentlich war es ja der 77. Lauf. Wie entstand er? Um 1500, als kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen der Dänen und Schweden stattfanden, wollte Gustav Vasa (1496-1560) in der Region Mora ein Heer von Freiwilligen aufstellen, um die kriegerischen Handlungen zu beenden. Doch für diesen Gedanken fand er keine Unterstützung, er wurde fortgejagt. Kurze Zeit später wurde bekannt, dass die Dänen in Stockholm ein großes Gemetzel angerichtet hatten. Kurz entschlossen folgten zwei Skiläufer dem Gustav Vasa, in Sälen holten sie ihn ein. Das war eigentlich der erste Lauf. Mit Vasa lief man nun zurück nach Mora, was der zweite Lauf war. Am 6. Juni 1523 wählte man Gustav Vasa zum König von Schweden. Noch heute verehrt das schwedische Volk diesen Mann. 1922 organisierte Anders Peters, ein Zeitungsmann aus Mora, diesen Lauf erstmalig zu einem Wettkampf. Der erste Sieger Ernst Alm benötigte für die 90 Kilometer lange Strecke in der klassischen Technik 7:32:49 Stunden. Auch heute noch darf man diesen Lauf nur in der klassischen Technik laufen.

Wir fuhren mit dem Bus bis Kiel und weiter mit der Fähre in die norwegische  Hauptstadt Oslo. Über verschneite Straßen Norwegens und Schwedens erreichten wir mit dem Bus unser abgelegenes Quartier unweit von Mora, dem Zielort dieses Laufes. Tags darauf fuhren wir nach Oxberg und liefen somit im Training die letzten 30 Kilometer auf der Wettkampfstrecke. An die Abholung der Startunterlagen aus einem großen Zelt erinnere ich mich noch heute. Große Kisten mit etwa 16.000 Startnummern warteten auf die Sportler. Die schwedische Post verteilte extra geprägte Medaillen für die Teilnehmer. Ich kaufte mir ein T-Shirt zur Erinnerung, übrigens liegt es heute (2007) hauteng an. Ein kurzer Stadtbummel mit dem Besuch des Vasalauf Museums, was sehr zu empfehlen ist und einem Abstecher zum örtlichen Bahnhof wo eine Dampflok steht musste sein. In einem Lebensmittelladen kostete ich Blaubeersuppe, denn schließlich war das die Hauptverpflegung während des Laufes wie ich gehört hatte. Sie schmeckte gut und mein nervöser Magen schien sie anzunehmen. Natürlich prägte ich mir auch das Aussehen des Kirchturmes von Mora ein, schließlich war ich des festen Glaubens das ich ihn vor dem Zieleinlauf sehe. Endlich war es so weit, der Tag des Wettkampfes. Aufgeregt hatte ich in der Nacht schlecht geschlafen, nach dem zeitigen Frühstück fuhr der Bus etwa 3.30 Uhr ab. Wie sagt man, auf der längsten Einbahnstraße der Welt quälten sich Tausende von Fahrzeugen in Richtung des Startortes Sälen. Wir kamen etwas spät an, die 10 Startblöcke im Startgarten waren schon gut gefüllt. Kleider in den Sack und abgegeben. Wenig später hallte ein Kanonendonner und das Feld setzte sich pünktlich 08.00 Uhr langsam in Bewegung. Entsprechend meiner eingereichten Qualifikationszeit stand ich im letzten Block. Nach der langen breiten Startgeraden biegt die Strecke nach rechts ab, gabelt sich an einem Haus und kommt dann wieder zusammen. Hier befindet sich eine der Schlüsselstellen. Die Strecke verengt sich sehr stark und es geht einen kurzen Anstieg hoch. Ich stand neben einer Bekannten und bei uns rückte es kaum vorwärts, interessiert drehte ich mich um und musste feststellen, wir standen in der allerletzten Reihe. Hatten wir uns verdrängeln lassen oder war alles nur einseitig gerückt? Für die ersten zwei Kilometer benötigten wir 45 Minuten. An jedem Kilometer steht ein Schild. Mir wurde unwahrscheinlich warm, galt es doch an entsprechenden Kilometermarken bis zu einer maximal vorgegebenen Zeit durch zu laufen. Es rückte nur langsam vorwärts, für die ersten 5 Kilometer benötigte ich somit 1:20 Stunden. Langsam konnte man nun laufen. Die Begeisterung der Zuschauer an der Strecke war prächtig. Auch ich nutzte alle Verpflegungsstände um meine Speicher gleichmäßig aufzufüllen. Die Blaubeersuppe und diese Art Weißbrot schmecken köstlich. Ab und an klebt ein leerer Pappbecher unter dem Ski, diese gehen aber gut ab. Das Ski laufen macht Spaß, bis ich unterwegs am Kilometer 50 anfange zu rechnen. Mit erstaunen stelle ich fest das ich den Zielschluß 20.00 Uhr nicht erreichen werde. Etwas nervös laufe ich weiter, dann stelle ich plötzlich fest, daß ich mit der falschen Startzeit, anstelle 08.00 Uhr mit 06.00 Uhr, gerechnet hatte. Mir fällt ein Stein vom Herzen, dennoch muß ich obwohl ich mit dem volkssportlichen Gedanken unter dem Motto „Ankommen zählt“, unterwegs bin mich tüchtig sputen. Die Kilometermarken wo ein Seil gespannt wurde und für die Läufer es zu spät werden würde, das wollte ich nicht erleben. Die Spuren waren mittlerweile mistig. Von hinten kam ein Spurgerät, etwa in der Größe eines umgebauten Panzers, und legte gleich vier oder sechs Spuren nebeneinander. Der Glauben mich dahinter einordnen zu können, wurde schnell begraben. Liefen ja schon andere auf den frischen Spuren, irgendeiner hatte dann Mitleid und ließ mich auch mit rein. Das Tageslicht wird immer dünner, dennoch ist die Stimmung entlang der Strecke ausgezeichnet. Nicht nur an den Siedlungen, auch immer wieder im Wald Gruppen von Leuten die ausharren und die Skilangläufer anfeuern. Einige von ihnen sind mit Schneemobilen gekommen, habe den Schnee etwas weggemacht, ihre Felle ausgebreitet und ordentliche Feuerstellen angezündet. Jeder Aktive hat auf seiner Startnummer die Landesfahne aus dem er kommt, immer wieder rufen sie Tyskland, Tyskland (Deutschland) … .  Mir läuft dabei immer ein kalter Schauer über den Rücken, mich baut das auf, obwohl es nicht mehr so flüssig voran geht. Aber schließlich bin ich mit einem großartigen Ziel angetreten und mein Wille ist ungebrochen. 30 Kilometer vor dem Ziel treffe ich meine Bekannte wieder, wir laufen gemeinsam. Oxberg schon einige Kilometer passiert, kommen mir verschiedene Abschnitte der Loipe vom Training bekannt vor. An einer der letzten Verpflegungsstellen bin ich scheinbar etwas zu gierig nach der Blaubeersuppe und verbrühe mir den Mund. Aber zum Glück gibt es genügend Schnee zum kühlen. Zwischen den Spuren sind außergewöhnlich große „Teelichter“ zum ausleuchten der Loipe aufgestellt. Der Campingplatz am Rand von Mora ist erreicht, der letzte Kilometer ist angebrochen. Eine letzte Linkskurve und ich bin auf der mit Schnee bedeckten Zielgerade in Mora. Meine Frau Kerstin hat Stunden ausgeharrt und feuert mich auf den letzten Metern an. Ich erreiche das Ziel nach 11:02:57 Stunden. Ausgepowert aber glücklich eines meiner großen Ziele erreicht zu haben freue ich mich. Mit anderen Sportlern werde ich in einem gut beheizten Bus vor die Tore Moras in ein Betriebsgelände gefahren. Hier liegt mein Kleidersack bereit, ich gehe duschen und anschließend in den Betriebsspeiseraum zum Essen. Die Leute hier haben sich sehr große Mühe gegeben, denn auch ich habe trotz der großen Anstrengung einen guten Appetit. Das Essen ist frisch zubereitet und schmeckt köstlich. Zurück mit dem Bus in den Zielraum gefahren gehe ich in das Orgbüro und lasse mir meine Teilnehmerurkunde ausdrucken. Als ich sie lese bin ich stolz, ist doch die gesamte Strecke noch einmal aufgelistet:

Sälen, KM 0 – Smagan, KM 11,0 – Mangsbordana KM 24,0 – Risberg KM 34,9 – Evertsberg KM 47,7 – Oxberg KM 61,9 – Hökberg KM 71,0 – Eldris KM 81,1 – Mora KM 90.

Neben der Mittsommernacht, dem Geburtstag Schwedens Königs ist der Vasaloppet einer der drei wichtigsten Höhepunkte die jährlich in Schweden begangen werden.

Zurück im Quartier, genieße ich noch eine Vita Cola, mein Leibgetränk und falle gleich ins Bett.

Tags darauf rollt unser Bus zurück. Eine Stadtrundfahrt durch die norwegische Hauptstadt Oslo mit einem Besuch des Rathauses und der dort ausgelegten Medaillensammlung von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen ist sehenswert. Aber auch eine Visite auf dem Holmenkollen, der Wiege des nordischen Skisports, ist sehr interessant. Auch hier steht ein Sportmuseum. Mit der Fähre wird nun von Oslo in die dänische Hauptstadt Kopenhagen gefahren. Nach einem kurzen Bustransfer geht es erneut an Bord. Diesmal mit der Schnellfähre von Rodby nach Puttgarten auf der Insel Fehmarn. Die letzten paar hundert Kilometer im Bus bis nach Wurzen vergehen schnell. Das Nationaltier Schwedens, den Elch, haben wir leider nicht gesehen, dennoch ist eine erlebnisreiche, aufregende und anstrengende Woche vorbei, die Erinnerung an diese Veranstaltung bleibt.

Die Blumen-und Tierwelt inmitten einer mir scheinbar heilen Natur ist sehr erholsam.

Wir fanden eine saubere Natur vor, tragt bitte auch ihr euren Anteil dazu bei.

Viel Spaß  bei eurer Tour